DÄNEMARK
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Notizen einer Reise durch drei
Länder über 5679km vom 22. Juli bis 15. August 2 0 0 0 |
Wir ließen Hvide Fyr (weißer Leuchtturm;
keine Folge ohne sie) links liegen, obwohl er doch nennenswert
ist (kleiner Treppenturm mit großer Metallschale, in der das Signallicht
wie das olympische Feuer brannte), tummelten uns noch ein wenig im herrlichen
Hafen mit seinen roten Häusern und unzähligen Fischrestaurants, ergötzten
uns an einem neuen VW-Bus, der, unter einer Straßenlaterne geparkt, auf
der gerne Möwen sitzen, die keine Ahnung von der großartigen WC-Infrastruktur
haben dürften, ziemlich alt aussah.
In Sæby erinnerten wir uns an die alte Fährmanns-Weisheit - und
blieben somit auf der Küstenstraße (mit ihren zwei Überfahrten).
Als gelernte Touristen stolperten wir auch über die Fregatte Jylland,
das längste Holzschiff der Welt nämlich, das in Ebeltoft im Restaurierungsdock
liegt und schon 1864 bei der Schlacht vor Helgoland gegen Österreich mitgemischt
haben soll (wir wissen’s natürlich nicht, denn wir waren
ja damals nicht dabei), und auch über das gleichnamige Bier mit
wunderschönem Etikett im nahen Supermarkt. Unweit von hier ist der Ort
Elsegårde, und Blushøj Camping geht als der zweitschönste
Platz in die Annalen dieser Fahrt ein: Am steilen Weg zwischen den Terrassen
und dem Meer liegt eine Bucht, groß genug für zwei Reisende und eine
Ente (selbst wenn sie ein Zelt dabei gehabt hätten),
mit direktem Blick zur Insel Hjelm, deren Leuchtturm uns in den Schlaf geblinzelt
hat ...
Fixpunkt
(fast) jedes Dänemark-Reisenden ist Billund,
ein Städtchen gleich neben Legoland (oder umgekehrt?),
auch wenn man sich an die eigene Pubertät schon gar nicht mehr erinnern
kann. Es ist wie Minimundus und Prater zusammen (einschließlich Liliputbahn),
nur eben alles aus LEGO® (beim Prater-Teil stimmt das vielleicht
nicht ganz, aber doch zu einem gewissen Teil). Faszinierend ist‘s allemal,
diese kleine Welt aus Plastikbausteinen, wir waren ganze zehn Stunden drinnen.
(Unser) Großes Interesse weckte auch das Wie
dahinter, wenn sich alles dreht und alles bewegt: Busse, die auf Fähren
auf- und an der anderen Seite des Flusses von dieser wieder abfahren, der Frachtschiffaufzug
der Elbe, LKWs, die vor einem geschlossenen Schranken stehen bleiben, weil eine
Klappbrücke geöffnet wurde, da ein Schiff naht, ... Der Verantwortliche
für den Autobau in der kleinen Welt dürfte überhaupt ein bekennender
und vielleicht sogar praktizierender Citroënist sein: Es gibt unzählige
Enten, viele CX/BX/XM (die Unterscheidung beschränkt sich
auf Nuancen, wenn sie aus LEGO® gefertigt sind), einige Méhara
(Plural von Méhari), zwei HYs (einer
davon interessanterweise in Norwegen, der zweite, wie könnte es
anders sein, in Holland) und ebensoviele DSen! (Ein
Tipp noch: Wenn Ihr im Hochsommer nach Legoland fahren wollt, kauft die Eintrittskarte
gleich am Campingplatz! Damit kann man nämlich bei einem Seiteneingang
reingehen und muß sich nicht in einer Menschentraube 2 bis 3 Stunden anstellen!)
Die Insel Fyn (Fünen) erreichten wir über
eine große Brücke (da dürfte die Fährmannsgewerkschaft
nicht stark genug gewesen sein), fuhren den unteren Halbkreis aus und
verließen sie Richtung Sjælland (Seeland)
über eine ganz große: knapp 17 km lang und 225 Eier (muntere
4 Hunderter) teuer.
Die nördliche Küstenstraße Seelands führte uns nach Helsingør.
Dort ist die kürzeste Distanz zwischen Dänemark und Schweden und somit
reger Fährverkehr im Straßenbahntakt. Bei gar köstlichen Fish&Chips,
zubereitet von einem Exil-Briten (sonst hätten wir sie
bestimmt nicht genommen), haben wir das Schauspiel beobachtet, wie die
ankommenden Schweden in das nächste Geschäft rannten, Bier und auch
richtigen Alkohol in haushaltsunüblichen Mengen bunkerten und wieder
zurück auf das Schiff stürmten. Bei der kurzen Verweildauer
im Hafen kann sowas schon zu Streß ausarten, und einer hatte es gerade
noch rechtzeitig geschafft.
Dänemark ist das Land für den Enten-Voyeur. Wir erspähten
an diesem Tag 18 Stück auf der Straße (also
nicht irgendwelche Leichen in Hinterhöfen). In unserer Heimat erliegen
wir schon bei der zweiten Sichtung einem Hormonschub.
Der
Tag, den wir København (Kopenhagen) widmeten,
war verregnet, weshalb wir einige Kirchen auch von innen gesehen haben. Als
Hauptstadt wirklich begeistert hat uns Kopenhagen nicht, gesehen haben sollte
man es aber schon einmal: den Rundturm (Rundetårn)
der Trinitatis-Kirche mit seinem runden Aufgang (Peter
der Große soll da schon hinauf geritten sein und Kaiserin Katharina ließ
sich sogar mit dem Fuhrwerk hinauf chauffieren; für eine Entenerstbefahrung
wäre er also breit und eben genug) und dem herrlichen Rundumblick,
die verschlungenen Drachenschwänze des Börse-Dachs, das goldumrandete
Schneckenhausdach der vor Frelsers (Erlöser)-Kirche, die kleine
Meerjungfrau, Nyhavn, ...
Roskilde ist ja nicht nur durch die Austragung des 3rd international
meeting of 2cv friends 1979 bekannt, sondern auch dadurch, daß
es vor Kopenhagen Hauptstadt war und schon seit der Wikingerzeit bedeutend.
Die Wikinger waren durch ihre Holzbearbeitungs- und Schiffsbaukenntnisse recht
mobil und hatten einen großen Aktionsradius. Irgendwann kam dann doch
eine äußerliche Bedrohung von Roskilde, und die Bewohner haben ihre
eigenen Schiffe systematisch als Barriere in der Fahrrinne versenkt. Vor ungefähr
15 Jahren ist man bei Bohrarbeiten auf den sensationellen Fund von anfangs drei,
dann insgesamt fünf Schiffen gestoßen, die seit knapp 1000 Jahren
im Meer ruhten. Die bloße Ausgrabung der Hölzer hätte sie sofort
zerstört. So wurden sie einzeln unter viel Wasserspülung aus dem Schlamm
gepinselt und versucht, die gewohnte Umgebung noch ein wenig aufrecht zu erhalten,
das Holz nach und nach (vom Meerbedarf) zu entwöhnen,
mit Epoxy-Harz zu verstärken und zu konservieren. Danach wurden aus den
tausenden Einzelteilen die Schiffe rekonstruiert, was zu einem Prozentsatz von
50 ... 85 (je nach Typ) gelang. Von der Auffindung bis
zur Wiederherstellung sind über 10 Jahre vergangen und heute kann man die
Funde in der Wikingerschiffshalle am Roskilde-Fjord bewundern (all
diese Weisheiten stammen aus einem Videofilm in deutscher Sprache, der dort
vorgeführt wird). Auch werden Fahrten mit Repliken angeboten. Vor
der Halle ist ein Markt entstanden, der Waren aus dieser Zeit herstellt und
verkauft (z.B. sind ja Filzbälle doch Artikel des täglichen,
auch damaligen, Bedarfs; im Ernst: es gibt auch Brote, Räucherfisch aus
einer Leinen-Paravent-Räucherei, Felle, Wolle, Schmuck usw.).
Die (alte) Kirche von Højerup an der Stevns
Klint ist schon seit 1928 einen Schritt weiter als die Mårup Kirke:
Da stürzte nämlich der Chor ins Meer, obwohl das Bauwerk 1357 fünfzig
Meter vom Klippenrand entfernt errichtet wurde. Heute ist das Fundament gestützt,
man kann sich also alles bedenkenlos ansehen. Der Strand sowie der verbleibende
Teil der Kreideklippe sind nicht gesichert, unser Forschertrieb überredete
uns aber dennoch zu einer Begehung (auf eigene Gefahr).
Autobahnen sind in Dänemark kostenlos, eine führte uns auf die Insel
Falster, die Bundesstraße in die Stadt Gedser und die Füße
zum südlichsten Punkt Skandinaviens, der durch den Findling Sydstenen,
einen 5 Tonnen schweren Stein, den die Eismassen vor 15.000 Jahren von Schweden
hierher transportiert haben, angezeigt wird.
Rødbyhavn auf der Insel Lolland war der letzte von uns angesteuerte
Punkt dieses Landes, denn von hier legt die Fähre der Vogelfluglinie (auch
im Straßenbahntakt) ab nach Puttgarden, dem deutschen Pendant zu
Rødbyhavn.
Deutsche Autobahnen brachten uns nach Ostfriesland, wo wir das letzte Drittel
Urlaub erleben wollten. Die Strandkörbe, unter anderem, als typische Merkmale
haben uns hierher gezogen. An der Nordküste enden alle Ortsnamen auf -siel
(Neuharlingsiel und Carolinensiel beispielsweise), was
darauf hinweist, daß das Land trockengelegt und urbar gemacht und das
Wasser, durch großzügige und aufwendige Wall- bzw. Schleusenanlagen,
in geregelte Bahnen gelenkt wurde. Die Urahnen der heutigen Bewohner hatten
ein recht rauhes Leben im Kampf gegen die Naturgewalten und ein ziemlich distanziertes
Verhältnis zu Fremden. Dies hat sich bis heute erhalten (einige
der Watt-Inseln haben Auflagen, die einem den Besuch ganz schön vergällen,
was auch deren Zweck sein soll). Wir hatten uns auch schon auf Aussatz
untersucht - Fehlanzeige - doch so kamen wir uns behandelt vor. Auch trugen
wir weder ein rot-weiß-rotes Fähnchen noch einen Gamsbart am Hut,
ja nicht einmal den. Rühmliche, weil freundliche, Ausnahmen waren das Muschel-
& Schneckenmuseum (in einer Windmühle) sowie
das Tee- & Heimatmuseum in Norden (die Negativa seien
hier nicht erwähnt, sie würden möglicherweise den Rahmen sprengen).
Weiter
der Westküste entlang kamen wir nach Pilsum, um OTTO‘s Leuchtturm einmal
nicht von der Kinoleinwand oder gar aus dem Fernseher zu sehen, sondern in der
Realität. Viele (zweifelhafte) Fans haben sich schon
darauf verewigt, was dem rot-gelb-gestreiften Turm alljährlich eine Neulackierung
bringt. Kurz vor Emden blickten wir nach Holland, in der Stadt in "dat
OTTO Huus", einer Ausstellung mit und über den wohl berühmtesten
Ostfriesen, mit ausgesuchten Filmausschnitten, seinem ersten Kaugummi und einer
Merchandise-Abteilung (die teuersten Socken ever).
In Transvaal, einem Stadtteil, der große Ähnlichkeit mit einem Wiener
Arbeiterbezirk hat, erinnert die Bronze-Plastik zweier Ottifanten an die hier
verbrachte Kindheit und Jugend des Komikers.
Der direkte (Um-)Weg in die Heimat führte, da es sich zwangsläufig
um eine Nord-Süd-Durchquerung Deutschlands handelte, über Karlsruhe
zu einer OECC-Außenstelle, und durch die Grenznähe weiter ins Elsässische
Kulinarium. Der Flammkuchen ist viel feiner als die Pizza und deshalb in den
unterschiedlichsten Variationen, mit Belägen von zart bis hart, zu genießen.
Von Vorteil ist, wenn viele Mitesser am Tisch Platz nehmen, da in diesem Fall
alles, einschließlich der Nachspeisen-Ausgabe, probiert werden kann. Gesättigt
ist man dennoch mehr als einem lieb ist. (Nochmals und in aller
Öffentlichkeit: Dank nach KA!) Überrascht hat uns die Freundlichkeit
der (Süd-)Westdeutschen, besonders, als wir am Sonntag
frische Backwaren kauften, waren wir doch in den letzten Tagen wahrlich anderes
gewohnt.
Natürlich
hätte man nun in acht Stunden zu Hause sein können, wir verzögerten
die Heimreise abermals, um einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen: die
Besichtigung des Automobilmuseums von Fritz B. Busch, dem automobiljournalistischen
Idol (neben Herrn Martin), im Schloß Wolfegg im
Allgäu. Es ist eine Ausstellung von Menschen für Menschen im
allgemeinen und Enthusiasten im besonderen. Welches andere Museum verfügt
über die stattliche Anzahl von drei 2CVs, davon ein SAHARA (das
Kamel hätte uns gefehlt, wäre es nicht dabei gewesen, auch wenn
die montierten 125-15er ein bisserl verloren wirken in den ausgestellten Kotflügeln
und auf der Motorhaube), und die dazugehörigen Liebeserklärungen
aus dem Bauch heraus (über einer roten Charly kleben große
Lettern: "Ein Denkmal für die Ente")? Weitere Höhepunkte
für Citroënisten sind ein 11CV, ein 5CV (das Boot;
in gelb, natürlich) und weitere Hinterradantriebs-Citroën,
die zu benennen für unsereins jedoch keine Leichtigkeit ist. Ein eigenes
Gebäude widmet sich dem Thema "Als das Auto reisen lernte ..."
und zeigt unter vielem anderen einen Brezel-Käfer mit Wohnwagen, einen
Wüstendurchquerungs-Trabi mit Dachzelt sowie eine Isetta, die fünf
Personen in den Campingurlaub an die Riviera gebracht hat. Viele der Exponate
tragen neben den technischen Daten noch Geschichten, die das Publikum eingebracht
hat, nach dem Motto: "Der/Die Opa/Vater/Sohn/Oma/Mutter/Tochter erzählt
...". Schwer in Erinnerung ist mir die Sprechblase bei einem Porsche 912:
"Den hatte die Frau unseres Zahnarztes. Das Auto war ihr an sich egal,
Hauptsache, es war weiß. Und genau so fuhr sie auch ..."
Wir waren jene, die am längsten im Museum verweilten, ein Ereignis, das
uns ungefähr jedesmal passiert ist. Um ½3 gingen wir dann schlafen,
in ein richtiges, gesellschaftlich anerkanntes Bett daheim. Zum ersten Mal seit
24 Tagen. Gute Nacht ...
Wer wirklich bis hierher gelesen hat, sei beglückwünscht, Ihr habt
es überstanden!
Alles, was in dieser Geschichte nach historischer Bildung aussieht, haben wir
unserem treuen Begleiter zu verdanken:
DÄNEMARK - Dirk Schröder, Ursel Pagenstecher, Verlag Martin Velbinger
ISBN 3-88316-055-5