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"Ent"-deckungsreise
durch Piemont
Vinadio rief - und alle kamen! Der
Treffenplatz rund um bzw. direkt im Fort bot eine einzigartige Atmosphäre,
er war stimmungsvoll wie selten einer zuvor. Dass es ein bisschen staubte, machte
der Bach, die Stura, wieder gut - die geschicktesten Wehrbauer ließen
darin sogar ein Schwimmbecken entstehen. Das beste an jedem Treffen ist aber
das Wiedersehen mit den vielen alten und neuen Freunden, und so tauchte ich
am Ankunftstag ein in dieses Ereignis, das mich vollständig aufsog, sodass
ich erst am letzten Tag wieder zu mir kam und dachte: Toll war's, doch jetzt
ist's Zeit für etwas Neues.
Und so begann am Montag nach dem Treffen unsere Piemont-Reise mit Fritz und
dessen Sohn Albert. Durch ihre persönliche Geschichte geprägt, waren
sie beide des Italienischen ziemlich mächtig, was auch uns recht zugute
kam, hatten wir doch gleich unsere Sprachführer dabei.
Zuallererst sollte es aber über den Colle della Maddalena nach Frankreich
gehen und weiter zum Col de la Bonnette, mit
über 2800 m der höchste Pass Europas. Scharen von Treffenausflüglern
hatten bereits seine Schönheit gerühmt und ihn uns als lohnendes Ziel
wärmstens empfohlen. Er hielt durchaus, was uns versprochen wurde, wir
erspähten Murmeltiere - doch leider machten sich auch fehlende Bremsbeläge
unangenehm bemerkbar.
Wir verbrachten die Nacht in Frankreich, in angenehm kühlen Höhen.
Über das Skigebiet Isola 2000 - von französischer Seite über
eine breit ausgebaute "Bergautobahn" zu erreichen, von italienischer
Seite über ein wildes Strasserl, das eher nach unserem Geschmack war -
führte uns der Weg also wieder zurück nach - Vinadio, wo die Aufräumarbeiten
in vollem Gang waren, ein Seniorenheim gerade zu Besuch weilte und der Bürgermeister
noch nachträglich über den "größten Event, den Vinadio
je erlebt hätte" ins Schwärmen geriet.
Man nannte uns eine Adresse in Cuneo - also nichts wie hin und neue Bremsbeläge
erstanden. Da wir nun schon einmal da waren, besichtigten wir gleich die Innenstadt:
auf der riesigen Piazza Galimberti fand gerade der Markt statt. Unter den Lauben
der Via Roma war's auch heiß, aber wenigstens schattig. Eines der vielen
Gelati, die wir uns noch genehmigen sollten, hielt uns am Leben. Den Abend ließen
wir in einem gepflegten Restaurant mit köstlichen Piemonter Spezialitäten
ausklingen.
Am nächsten Tag wollten wir den Col du Tende in Angriff nehmen und von
dort auf einer abenteuerlichen Straße in die angrenzende Bergwelt vordringen.
An einer Tankstelle trafen wir auf Lynn und Andy, einer alten, schon in Griechenland
eingeübten Tradition folgend. Wir tauschten kurz unsere Erlebnisse und
weiteren Pläne aus, und Lynn konnte ihre gemischten Gefühle angesichts
unseres Vorhabens kaum verbergen. Ein letzter Einkaufsbummel im hübschen
Städtchen Limone Piemonte, und dann ging's los. Kurz vor dem Tunnel rechts
abgezweigt, und schon wand sich die Straße in vielen Serpentinen den Pass
hinauf. Oben mal schnell ein unscheinbares Fahrverbotsschild ignoriert, und
wir tauchten ein in eine einzigartige Berglandschaft, ein überwältigendes
Felspanorama, das uns gefangennahm. Bald wurde die anfänglich recht gute
Straße aber deutlich schlechter, die Bedingungen verschärften sich
- es wurde steil und steinig. Ungläubig-bewundernde Blicke der übrigen
Straßenbenutzer, durchwegs mit Allrad-Antrieb ausgestattet. Bald sollten
wir wissen, warum. Erinnerungen an harte Marokko-Zeiten wurden wach, die Ente
litt, und wir fragten uns, warum wir ihr das angetan hatten. Übel zugerichtet
und mit Schürfwunden an der Seele, fragten wir irgendwann, wie weit es
denn noch sei. Wir trauten unseren Ohren nicht, als wir etwas wie "trenta
chilometri" vernahmen, allerdings würde die Straße dann wieder
besser. Wir fügten uns in unser Schicksal, das wir herausgefordert hatten.
In
der Nähe erblickte ich ein Murmeltier und in der Ferne - 2CVs, tatsächlich,
die Enten der Mountain Raid, die uns entgegenkamen! Sie sprachen von der guten
Straße, die hinter ihnen lag, und so fuhren wir etwas zuversichtlicher
weiter, alsbald in tiefere Regionen, wo es wieder Wald gab. Auf einer Lichtung
schlugen wir unser Nachtlager auf und nahmen Zuflucht zu wärmeren Klamotten.
Tags darauf ging's noch auf den Gipfel des Mt. Saccarel, bevor wir die Berge
wieder verließen (Asphalt unter den Rädern kann so gut tun!). Anschließend
verbrachten wir zwei Tage an der Küste, wo es uns aber wegen Überfüllung
weniger gefiel. Einzig das Schwimmen im Meer vor dem Frühstück möchte
ich nicht missen. Wir besuchten Noli mit seinen eindrucksvollen Felsen, die
steil ins Meer abfielen, badeten ein letztes Mal und fuhren dann ins Landesinnere
weiter. In Calizzano war's angenehm ruhig und doch auf seine Art wieder geschäftig
- wir fanden alles, was wir brauchten: eine Panetteria mit knusprigen Grissini,
eine Bar mit Frappés in den verschiedensten Geschmacksrichtungen, ein
Telefon, mit dem Fritz einem Reisbauern der Poebene unseren Besuch ankündigte,
und einen Campingplatz, in dessen Restaurant auch vorzüglich gekocht wurde.
Ein vertrautes Geräusch ließ uns aufhorchen: Unsere französischen
Nachbarn vom Treffenplatz in Vinadio fuhren ein! Unterwegs mit der Ente ist
man halt nie allein...
Am
nächsten Tag zielen wir zunächst Mondoví an, vor allem seine
mittelalterliche Oberstadt, "Piazza" genannt. Albert befindet, das
sei ein würdiger Ort für ein "gesessenes Eis", und so lassen
wir uns in der Cremeria Antico Borgo nieder. Am Nebentisch zeigt ein Italiener
Plakate mit Heißluftballonen und erzählt uns wenig später, dass
er morgen ins Waldviertel aufbrechen würde, zu einem Wettbewerb der Ballonfahrer...
Auf dem Weg nach Alba kommen wir auch durch das Weindorf Barolo, und in der
Enoteca Regionale im Schloss verkosten wir den berühmten, aber unverschämt
teuren Barolo. Nach einem Abendspaziergang durch Alba landen wir schließlich
in Agliano, bei Vicky und Bobby. Es wurde eine lange und fröhliche Nacht
der Tafelfreuden!
Dann war Sonntag - und Asti ziemlich ausgestorben. Man konnte in aller Ruhe
spazieren gehen und lernte die öffentlichen Brunnen schätzen, von
denen wir keinen ausließen, um Abkühlung zu suchen. In der Weinstadt
Asti gibt sich sogar die Kathedrale weinbelaubt und wird deshalb "La Vigna"
genannt. Im September findet auf dem großen Platz der Palio statt, das
Pferderennen, eine Woche vorher ein kulinarisches Fest, und es soll Leute geben,
die extra deswegen wieder anreisen wollen. Den Nachmittag verbrachten wir am
Swimmingpool - so entspannt haben wir uns schon lange nicht!
Am Montag steuern wir - nach einer großen Verabschiedungsszene - als
erstes den gedeckten Lebensmittelmarkt in Asti an, wo wir uns mit Prosciutto,
Käse, eingelegten Oliven, Grissini und Salatini und dergleichen eindecken.
Dann geht's weiter nach Turin: Hier ist's extrem heiß, und am Montag hat
alles geschlossen (Albert hatte uns ja vorgewarnt!). Wir schlendern oder besser
gesagt: schleppen uns durch die heiße, fast menschenleere Stadt. Sogar
die "Mole", das Wahrzeichen Turins, hat zu. Nur die Gelati richten
uns wieder auf. Bei unserem Spaziergang kommen wir am Palazzo Carignano vorbei,
mit seiner schönen Fassade. Jede "fonte pública" wird
freudig begrüßt. Der Königspalast, der Dom mit dem berühmten
Turiner Leichentuch (Sindone genannt), die rote Porta Palatina aus der Römerzeit
- mittlerweile sind wir ziemlich geschafft. Wir campieren auf einem Hügel
und halten Siesta.
Abends fuhren wir nach Superga hinauf, einem Hügel, auf dem eine mächtige
Basilika die Gräber der Savoyer beherbergt. Von dort hat man einen herrlichen
Blick hinunter auf die Stadt. Turin selbst dehnt sich in einer Ebene, ist jedoch
umkränzt von Bergen und Hügeln. Es gingen gerade die Lichter an -
und wurden allmählich zum Lichtermeer! Der aufgehende Vollmond tat das
seine zu dieser Szenerie.
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darauf fuhren wir im gläsernen Lift die Mole hinauf und genossen den Blick
vom Turiner Wahrzeichen. Dann ins Automobilmuseum, das in einer Stadt wie Turin
natürlich nicht fehlen darf. U.a. war dort die Entwicklung des Reifens
recht anschaulich dokumentiert. - Von Torino ging's dann direkt nach Bianzé,
wo uns der Reisbauer Cesare Ferraris samt Familie erwartete. Er führte
uns auf seine Risaia, zeigte uns die Reisfelder und Bewässerungskanäle
wie auch die Anlagen zum Schälen des Reises. Wir hatten uns auf eine heiße
Nacht im Reisfeld, mit Millionen von Gelsen, gefasst gemacht, doch wir schliefen
im klimatisierten Zimmer, nachdem wir auf das reichlichste und herzlichste bewirtet
worden waren.
Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen: Fritz und Albert blieben
noch ein paar Tage in Piemonte; wir mussten unter sengender Hitze die Heimreise
antreten. Einmal noch in Südtirol übernachtet, dann hatte uns die
Heimat wieder. Doch wir haben Piemont, eine eher abseits der Touristenströme
gelegene Region Italiens, mit all seinen Schätzen kennengelernt und liebgewonnen.
Übrigens: Falls der Eindruck entstanden ist, dass in diesem Artikel recht
häufig vom Essen die Rede ist, so liegt das sicher auch daran, dass in
Piemont die Slow-Food-Bewegung gegründet wurde, was ja einiges über
die Essenskultur dieses Landstrichs aussagt...
Eva Kretschy
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